Im Coronajahr 2020 erzählte ich meinem langjährigen Kletterpartner Kay und unserem Arbeitskollegen Daniel von der Idee, eine mehrtägige Trekkingtour mit Rucksack und Zelt zu machen. Gerade zur rechten Zeit brachte unsere DAV Panorama den Artikel über den Alten Kammweg.
Erfahrungen mit Hüttentouren in den Alpen hatten wir schon gesammelt, jetzt kam der Wunsch auf nach Entschleunigung, Einsamkeit in ungestörter Natur und relativer Selbstversorgung. Gerade zur rechten Zeit brachte unsere DAV Panorama den Artikel über den Alten Kammweg, ein in Vergessenheit geratener europäischer Fernwanderweg, der um 1900 zunehmende Bekanntheit gewann und der erste seiner Art wurde. Bezugnehmend auf die kürzlich erschienene dreiteilige Buchreihe von Swen Geißler, weckte diese Beschreibung sofort unser Interesse, als ehemalige „DDR-Kinder“ hatten wir ja die abgesperrten Grenzgebiete noch erlebt. Versteckte Wege, Bunkeranlagen, Übernachten im Wald, vielleicht sogar einen Wolf zu entdecken… darauf freuten wir uns.
Die Planung nahm seinen Lauf, im Juni 2021 sollte es für 9 Tage zu dritt in die „Wildnis“ gehen. Es wurde recherchiert, Ausrüstung gecheckt oder gekauft, Packmaße und Gewicht wurden unsere Erzfeinde. Unsere Gespräche drehten sich nur noch um Zelt, Schlafsack, Isomatte, Rucksack, Kocher, Regenschutz, Essen und vor allem Wasserquellen. Die Strecke des Alten Kammwegs verläuft auf über 800 km vom Vogtland bis ins Altvatergebirge meist direkt auf der deutsch-tschechischen und tschechisch-polnischen Grenze. Da diese Gebiete teils über 40 Jahre lang Sperrgebiet waren, sind manche Wege nur noch zu erahnen, gutes Navigieren ist also wichtig. Viele Wege sind aber wieder gut gepflegt und beschildert, zum Beispiel der Erzgebirgskamm oder im Riesengebirge. Unsere Wahl des Einstiegs in die Tour fiel auf Harrachov zwischen Isergebirge und Riesengebirge. Das hatte mehrere Gründe, zum einen kannten wir die Strecke zwischen Vogtland und Děčin schon gut durchs Mountainbiken. Beim Lesen von Geißler’s Band 2 und 3 gefielen mir die Etappen in den Sudeten am besten. Außerdem wollten wir Anreise und, wenn wir es überleben sollten, auch die Heimreise klimaneutral gestalten, also mit der Bahn fahren. Tatsächlich kommt man mit dem Sachsen-Böhmen-Ticket preiswert in viereinhalb Stunden von Zwickau nach Harrachov.
So begannen wir dort unsere Wanderung mit 18 kg auf dem Rücken, vollgetankt mit 3 Liter Wasser, und natürlich mit viel Spannung und Neugier auf die nächsten 8 Tage. Da wir ja im Nationalpark Riesengebirge starteten und nicht gleich am Anfang mit den Parkrangern Ärger bekommen wollten, entschieden wir uns die ersten zwei Nächte in den Berghütten Elbfallbaude und Wiesenbaude an der Schneekoppe zu verbringen. Danach gab es nur noch Schlafen im Wald und Frühstück/Abendbrot aus dem Campingkocher. Tagsüber wurde natürlich auch mal eingekehrt, das böhmische Bier und ne richtige Mahlzeit sollte man sich gönnen. Immer in Nähe der Grenzsteine entlang kamen wir nach Adersbach, einer wunderschönen und großen Felsenwelt. Faszinierende Sandsteinlabyrinthe, ähnlich wie in Tisá aber viel weitläufiger und höher. Das war für uns das schönste Felsenlabyrinth, was wir bisher gesehen hatten. Wir schafften es danach bis auf die Braunauer Wände und hatten schließlich am Bahnhof Hronov fast 200 km und 5000 hm bewältigt.
Schon auf der Zugfahrt in die Heimat beschlossen wir für 2023 eine Fortsetzung des Kammwegs. Ich konnte meine Kollegen für den umgekehrten Tourenverlauf begeistern, nämlich wieder in Harrachov zu starten und 9 Tage westwärts zur Elbe zu laufen. Damit war die Bahnanreise wieder logistisch gut zu planen, und heimwärts über Dresden sehr günstig. Diesmal waren wir zu fünft, Thomas und Tobias hatten sich mit unserer Begeisterung infiziert, und zu uns Zeltschläfern kam jetzt ein „Hängemattenübernachter“ dazu. So war die abendliche Suche nach einem schönen Schlafplatz immer ein kleines Abenteuer. Die Anforderungen: relativ eben, etwas versteckt vor unnötigen Besuchern, akzeptabler Untergrund und 2 Bäume im richtigen Abstand… es war jede Nacht einzigartig, aber jedesmal einfach schön. In Tschechien und Polen ist man in dieser Hinsicht relativ tolerant, trotzdem ist Notbiwakieren eine Grauzone. Für uns war es das Abenteuer, raus aus der Komfortzone, natürlich alles verlassen wie vorgefunden und somit Okay. Der Kammweg führte uns über die vielen kleinen Gipfel im Isergebirge bis auf den Jeschken, dann weiter übers Zittauer Gebirge mit Hochwald und Lausche. Natürlich war die Böhmische Schweiz der landschaftlich krönende Abschluss. In Hřensko hatten wir rund 180 km / 5500 hm auf der Uhr und setzten noch mit der Fähre über die Elbe.
Nun fehlte uns noch die östlichste Etappe bis zum Altvater. 2025 ging es endlich wieder auf den Alten Kammweg, zu dritt stiegen wir von Hronov ins Heuscheuergebirge auf. Die folgenden 7 Tage wanderten wir absolut einsame Wege, manchmal trafen wir stundenlang keinen Mensch. Dafür waren besonders hier Dutzende Bunkeranlagen vom Weg aus zu sehen und teilweise auch zu erforschen. Zwischen 1935 und 1938 wurden fast 10000 Bunker im Sudetenland gebaut, auch bekannt als Schöberlinie oder Tschechoslowakischer Wall. Der blaue Kamm führte uns über das Adlergebirge, Glatzer Schneegebirge bis ins Altvatergebirge, am Ende schafften wir 150 km und 4000 hm. Sehr schön anzusehen waren die vielen unterschiedlichen Aussichtstürme auf den Hügeln und Gipfeln. Geographisch von Interesse ist die dreifache Wasserscheide am Glatzer Schneeberg, von hier verteilt sich das kostbare Nass in Ostsee, Nordsee und Schwarzes Meer. So einen Punkt gibt es in Europa nur zweimal. Sehr zufrieden und mental ausbalanciert brachte uns die Bahn über Prag und Dresden mit gefühlt zehnmal Umsteigen wieder heim.
Zurückblickend kann ich den Alten Kammweg jedem empfehlen, der eine Alternative zu den oft überlaufenen Alpen und eine Weitwanderstrecke im Mittelgebirge sucht. Viel Ruhe zum Runterkommen, kaum Touristen, einsame Wanderwege, günstige Verpflegung (teilweise 0,5l Bier 1,50€ / Essen unter 10€) und wenig Kontakt mit der Zivilisation. Wölfe haben wir leider nicht gesehen, aber Rothirsche, Auerhahn, Kuckuck und vieles mehr. Fürs Navigieren ist Vorbereitung erforderlich, Komoot kennt fast alle Wege, für einige Gebiete hatte ich zusätzlich tschechisches Kartenmaterial. Wer auch outdoor übernachten will, sollte an Powerbank und effiziente Verpflegung denken. Wir hatten auf den insgesamt 530 km mindestens zwei Tage dabei ohne irgendeine Einkehrmöglichkeit. Zum Auffüllen der Wasservorräte findet man gute Quellen, Kay hat uns mit einer Quellen-App stets sicher versorgt. Zum Nachlesen der turbulenten Geschichte in den Sudeten, von den Gebirgsvereinen und dem Fernwanderweg entlang der sächsischen, böhmischen, schlesischen und mährischen Grenzgebirge lohnt sich der Erwerb der Buchreihe „Der Alte Kammweg“.
Du hast Fragen zur Tour? Dann stell sie gerne persöhnlich an Andre.
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